Parodontitis kann schlimme Folgen haben

Entzündungen im Mund sind zwar von außen kaum sichtbar. Aber sie belasten den gesamten Organismus und sind ein Risikofaktor für mehrere schwere Krankheiten

von Christian Andrae, 16.11.2017

Kritischer Blick: Durch Parodontitis können die Zahnhälse freigelegt werden


"Mit einer ausgewachsenen Parodontitis haben sie im Prinzip eine offene Wunde, die so groß ist wie ein Handteller – nur sehen Sie sie nicht", sagt Roland Frankenberger. Der Professor für Zahnerhaltungskunde an der Philipps-Universität Marburg verdeutlicht so das Hauptproblem, wenn der Zahnhalteapparat entzündet ist: "Man bemerkt es jahrelang gar nicht", betont er.

Laut der vierten Deutschen Mund­gesundheitsstudie haben knapp 53 Prozent der 35- bis 44-Jährigen eine mittelschwere Parodontitis. Das Zahnfleischbluten – ein deutliches Anzeichen – wird laut Frankenberger jedoch oft abgetan.

Die Entzündung im Mund stresst aber den gesamten Körper. Denn die Bakterien können sich über den Blutkreislauf ausbreiten. Daher werden in vielen Studien auch die Risiken für ­Folgeerkrankungen durch Parodontitis untersucht.

Hohes Diabetesrisiko

Gut belegt ist der Zusammenhang von Parodontitis und Diabetes mellitus sowie Lungenerkrankungen. Ebenso gibt es Hinweise für Arteriosklerose – eine Verengung der Arterien durch Ablagerungen. Das kann zu Herzinfarkten oder Niereninsuffizienz führen.

Oder zu Schlaganfällen. Diesen Zusammenhang erforschte Professor Christof Dörfer vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. Er kam zu dem Ergebnis, dass eine schwere Parodontitis das Schlaganfallrisiko deutlich erhöhen kann.

Es werden auch Zusammenhänge mit Tumoren und Erektionsstörungen beschrieben.

 

Hier eine interaktive Grafik zu den Auswirkungen der Parodontitis auf den restlichen Körper: Wenn Sie mit der Maus über ein rundes Feld fahren, erscheint unten der dazugehörige Text

Nicht auf jedes Studienergebnis ist Verlass

"Aber einige dieser Studien haben ihre Schwächen", sagt Dörfer.  Zum Beispiel jene Studie, die bis vor Kurzem noch andeutete, dass eine Parodontitis-Therapie das Risiko von Frühgeburten senke. "Die Studie war methodisch schlecht", entgegnet Dörfer. Inzwischen wisse man, dass hormonelle Störungen während der Schwangerschaft zu Veränderungen im Keimspektrum der Mundhöhle führen.

Eine Schwangerschaft erhöht daher das Parodontitisrisiko, nicht umgekehrt. Doch Beziehungen von Ursache und Wirkung in der Medizin zu untersuchen ist ohnehin sehr schwer.

"Es gibt Zusammenhänge zwischen Krebserkrankungen und Parodontitis", sagt Dörfer und fügt prompt ein Aber an: "Man kann sie aus ethischen Gründen nicht weiter erforschen." Schließlich könne man nicht für eine Studie den einen Patienten behandeln und den anderen nicht.

Patienten müssen in die Praxis

Dennoch: Die Risiken, die von einer Parodontitis-Erkrankung ausgehen, sind erheblich. Daran gibt es laut Dörfer keine Zweifel. Dabei lässt sich die Entzündung des Zahnhalteapparats gerade am Anfang vergleichsweise leicht in den Griff bekommen.

"Dazu braucht es aber nicht nur eine gute Zahnpflege", mahnt Roland Frankenberger. "Die Patienten müssen auch regelmäßig zur Prophylaxe in die Praxis kommen." Denn so kann der Zahnarzt bereits die ersten Anzeichen einer Paro­­dontitis erkennen – und Schlimmeres verhindern.


Haben Sie Schlafprobleme?
Ergebnis